Die Entscheidung zwischen Kamera und Rechner wird meist als Budgetfrage gestellt und ist keine. Sie hängt daran, was am Produkt sichtbar werden muss — und daran, ob es die Daten dafür überhaupt gibt.
Ein Produktvideo beantwortet eine einzige Frage: Was kann dieses Produkt für mich tun? Alles Weitere — Drehteller oder Rendering, Studio oder Werkhalle — folgt daraus. Nur wird die Reihenfolge in der Praxis meistens umgedreht.
01 / Die FrageDie brauchbarste Vorentscheidung entsteht aus einer Liste. Schreiben Sie auf, was ein Kunde am Produkt sehen muss, um es zu verstehen — fünf bis sieben Punkte reichen. Steht dort überwiegend Oberfläche, Größenverhältnis, Haptik oder Handhabung, ist die Kamera im Vorteil. Steht dort Innenleben, Schnittmodell, Funktionsprinzip, Materialaufbau oder eine Variante, die es physisch noch nicht gibt, gewinnt CGI.
Diese Liste ist auch deshalb nützlich, weil sie die dritte Antwort sichtbar macht, die viel häufiger richtig ist als eine der beiden reinen Formen: die Kombination. Realdreh für Kontext und Größe, Animation für das, was im Gehäuse passiert.
02 / Die KriterienAuffällig ist, wie selten die Zeile über Kosten entscheidet. Sie taucht in der Tabelle gar nicht auf, weil beide Verfahren über einen sehr weiten Bereich hinweg das Gleiche kosten können — je nachdem, wie viel jeweils zu bauen ist.
Wer zum Produktvideo recherchiert, stößt schnell auf beeindruckende Prozentangaben: 80 Prozent höhere Conversion auf Produktseiten mit Video, 57 Prozent höhere Konversionsraten durch CGI, 40 Prozent niedrigere Produktionskosten, eine um 70 bis 80 Prozent verkürzte Markteinführungszeit. Diese Zahlen sind nicht erfunden — aber sie stammen fast ausnahmslos von Anbietern, die Produktvideos oder CGI verkaufen, und werden ohne benannte Primärstudie, ohne Stichprobe und ohne Branchenangabe weitergereicht.
Das macht sie nicht falsch. Es macht sie ungeeignet als Grundlage für eine Investitionsentscheidung. Wer intern eine Zahl braucht, sollte sie im eigenen Shop erheben statt sie zu zitieren: Zwei vergleichbare Produktseiten, eine mit Video, eine ohne, vier Wochen, dieselbe Traffic-Quelle. Das Ergebnis ist unspektakulärer und trägt dafür im Gespräch mit der Geschäftsführung.
Bei den Preisen ist die Lage klarer, weil mehrere unabhängige Anbieter ähnliche Korridore nennen. Professionelle Produktvideos werden 2026 im Bereich von etwa 1.900 bis 15.000 Euro netto gehandelt, ein On-Location-Dreh mit Darstellern bei 3.000 bis 8.000 Euro, ein dokumentarisches Format mit Anwendern bei 3.500 bis 9.000 Euro. Einzelne fotorealistische CGI-Standbilder beginnen im niedrigen dreistelligen Bereich — was den Vergleich mit einem Film allerdings verzerrt, weil ein Standbild kein Video ist.
04 / Der CGI-VorteilDer meistgenannte Grund für CGI — es sehe hochwertiger aus — ist der schwächste. Der starke Grund ist Wiederverwendung. Ist ein Produkt einmal als Modell aufgebaut, texturiert und ausgeleuchtet, entstehen daraus Farbvarianten, Materialausführungen, Formatanpassungen für Shop, Marktplatz, Social und Messe, ohne dass ein einziges Mal neu gedreht werden muss. Wer zwanzig Artikel in je fünf Ausführungen führt, rechnet hier anders als bei einem einzelnen Hero-Produkt.
Der zweite starke Grund ist zeitlicher Natur: Ein Produkt lässt sich vermarkten, bevor es existiert. Prototypen, Vorserien, Messeankündigungen — hier gibt es zur 3D-Animation schlicht keine Alternative, weil die Kamera nichts vorfindet, worauf sie zeigen könnte.
05 / Der Realdreh-VorteilWas CGI schlecht kann, ist Beiläufigkeit. Eine Hand, die ein Werkzeug anders greift als vorgesehen. Eine Werkbank, auf der Dinge liegen, die dort nicht hingehören. Der Moment, in dem eine Maschine anläuft und jemand nickt. Diese Unsauberkeit ist kein Makel, sie ist das Glaubwürdigkeitssignal — und sie in 3D nachzubauen kostet mehr, als sie zu filmen.
Deshalb ist bei erklärungsbedürftigen B2B-Produkten das dokumentarische Format oft die überzeugendste Form: das Produkt nicht auf dem Drehteller, sondern im Einsatz, mit O-Tönen von Menschen, die es täglich benutzen. Kunden glauben Anwendern mehr als Inszenierungen — eine Beobachtung, die sich mit dem deckt, was auch für Produktfilme allgemein gilt.
CGI zeigt, was in einem Produkt steckt. Der Realdreh zeigt, ob jemand damit zurechtkommt. Nur eine der beiden Fragen stellen Kunden vor dem Kauf laut.
Der Punkt, an dem hybride Produktionen kippen, ist selten kreativ, sondern fast immer technisch: Es fehlen die Daten. Ein CGI-Modell entsteht am schnellsten aus vorhandenen CAD-Dateien mit sauberer Struktur, dazu Materialangaben, Lackcodes, Oberflächenbeschaffenheiten. Liegt das vor, ist der Aufbau kalkulierbar.
Liegt es nicht vor — weil die Konstruktion beim Zulieferer liegt, weil die Datei zwanzig Jahre alt ist, weil das Modell aus der Fertigung nicht dem entspricht, was verkauft wird — muss das Produkt nachgebaut oder gescannt werden. Das ist der Moment, in dem CGI teurer wird als ein Drehtag mit dem echten Gerät. Die Frage nach den Daten gehört deshalb in das erste Gespräch, nicht in die Produktionsphase.
Eine zweite Bedingung wird ebenso häufig übersehen: Wem gehören die Modelle danach? Ein aufgebautes 3D-Modell ist ein Vermögenswert, der über Jahre weitere Bilder trägt. Ob es beim Dienstleister bleibt oder herausgegeben wird, gehört vor Vertragsschluss geklärt — sonst zahlt man beim nächsten Katalog denselben Aufbau ein zweites Mal.
Was muss ein Kunde sehen, um zu verstehen? Existiert das Produkt bereits in verkaufsfähiger Ausführung? Wie viele Varianten sind zu zeigen, jetzt und in zwei Jahren? Liegen CAD-Daten und Materialangaben vor? Und: Wem gehören die entstehenden Modelle und das Rohmaterial?
Aus diesen fünf Antworten ergibt sich das Verfahren fast von selbst — und meistens ist es weder das eine noch das andere, sondern ein Dreh mit animierten Passagen an den Stellen, an denen die Kamera an ihre Grenze kommt. Welche Aufteilung für ein konkretes Produkt sinnvoll ist, lässt sich anhand der Datenlage im Erstgespräch schnell abschätzen.
Oberfläche, Größe und Handhabung sprechen für die Kamera. Innenleben, Funktionsprinzip und noch nicht existierende Varianten sprechen für CGI.
80 Prozent mehr Conversion, 57 Prozent bessere Konversion durch CGI: Diese Werte werden ohne benannte Primärstudie weitergereicht und taugen nicht als Entscheidungsgrundlage.
Ein einmal aufgebautes Modell trägt Farben, Materialien und Formate ohne neuen Dreh — und erlaubt Vermarktung vor dem ersten Muster.
Bei erklärungsbedürftigen B2B-Produkten überzeugt das dokumentarische Format mit echten Anwendern mehr als jede Inszenierung.
Fehlen brauchbare Konstruktionsdaten und Materialangaben, wird das Modell nachgebaut — und CGI teurer als ein Drehtag mit dem echten Gerät.
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